Was ist Verhaltensanalyse?

Christoph Bördlein

*nach einem Text von Howard Sloane auf www.behavior.org (Zugriff am 24.02.2003)

Eine Grundlagenwissenschaft

Verhaltensanalyse ist eine Wissenschaft, die sich mit dem Verhalten von Menschen befasst, mit dem was Menschen sagen oder tun und mit dem Verhalten von Tieren. Die Verhaltensanalyse versucht dieses Verhalten zu verstehen, zu erklären, zu beschreiben und vorauszusagen.

Die Verhaltensanalyse unterscheidet sich grundsätzlich von den meisten psychologischen Theorien. Psychologische Theorien beschäftigen sich mit dem "Geist", der "Persönlichkeit", "kognitiven Strukturen", dem "Selbstkonzept"; oder den "Trieben". Sie kommen damit dem Laienverständnis von dem, was Psychologie ausmachen sollte, entgegen. Dummerweise existieren all diese Konzepte nicht in der wirklichen Welt, mit der sich z.B. auch die Naturwissenschaften beschäftigen. Sie gehören nicht in die selbe physische Welt, in der auch Atome und lebende Zellen existieren. Wo und wie sie existieren, ist unklar, vielleicht in einer "mentalen" oder "hypothetischen" Welt.

Die Verhaltensanalyse beschäftigt sich nicht mit solchen irrealen Erklärungen für Verhalten. Die Verhaltensanalyse betrachtet das Verhalten selbst als das eigentlich Interessante. Um Verhalten verstehen, erklären, beschreiben und voraussagen zu können, muss man sich nicht auf subjektive und unwissenschaftliche Konzepte beziehen. Dabei versteht man unter Verhalten alles, was jemand tut: Also ist auch das Denken oder Fühlen eines Menschen ein Verhalten, nicht nur das, was andere Menschen an ihm beobachten können.

"Selectivism not purposism"

Das wissenschaftliche Prinzip der Verhaltensanalyse ist der Selektionismus - dasselbe Prinzip, das auch den Kern der Evolutionstheorie (nach Darwin) ausmacht. Verhalten tritt nicht auf "um ein bestimmtes Resultat zu erzeugen" - auch wenn wir ungenauerweise sagen "das Kind schreit, um Aufmerksamkeit zu erregen". Vielmehr hält die Umwelt des Individuums Konsequenzen für ein bestimmtes Verhalten bereit, die bewirken, dass dieses Verhalten in Zukunft unter ähnlichen Umständen häufiger auftreten wird.

Das Hauptinteresse der Verhaltensanalyse gilt nicht den Reflexen. Auch wenn das durch die Bezeichnung "Stimulus-Response-Theorien" unterstellt wird: Dass ein bestimmtes Verhalten durch einen bestimmten Umweltreiz erzeugt wird (wie das Ausschlagen des Knies, das der Arzt mit dem Reflexhämmerchen hervorruft oder das Schließen des Auges beim Lidschlussreflex), ist für Verhaltensanalytiker eher uninteressant. Viel spannender ist das sogenannte operante Verhalten: Das ist Verhalten, das vor allem durch die auf es folgenden Konsequenzen bestimmt wird. Das reflexhafte Verhalten (wie das Zusammenzucken nach einem lauten Knall) wird nur wenig durch die auf es folgenden Konsequenzen beeinflusst. Gelegentlich wird der Verhaltensanalyse unterstellt, sie wolle den Menschen zum Automaten degradieren und behaupte, alles Verhalten sei im Grunde reflexhaft. Das Gegenteil ist der Fall. Die Verhaltensanalyse beschäftigt sich vor allem mit dem operantem Verhalten (welches von Psychologen oft mit dem "willentlichen" Verhalten gleichgesetzt wird - für die Verhaltensanalyse dagegen spielt die vorwissenschaftliche Unterscheidung in willentliches und unwillentliches Verhalten keine große Rolle).

Die Wissenschaft von den funktionalen Relationen zwischen Umweltereignissen und Verhalten

Die Verhaltensanalyse beschreibt funktionale Zusammenhänge. Die Aussage "Wenn er Witze machte, lachten die Leute" beschreibt einen funktionalen Zusammenhang zwischen einem Verhalten (Witze erzählen) und einem Umweltereignis (andere lachen). Wir können nun z.B. beobachten, dass der Betreffende häufiger Witze erzählt (und dass er weniger Witze erzählt, wenn keiner lacht). Das Witze erzählen ist eine Funktion des Lachens. Aus dieser und vielen anderen Beobachtungen abstrahieren Verhaltensanalytiker das Konzept der Verstärkung.

Erklärungen, die keine funktionalen Zusammenhänge darstellen, sind keine Erklärungen im eigentlichen Sinne. Zu sagen, dass jemand sich hilflos verhält, weil er eine "abhängige Persönlichkeit" habe, erklärt nichts. Das Etikett "abhängige Persönlichkeit" mag aus den Antworten dieser Person in einem Fragebogen resultieren. Z.B. könnte sie häufig solchen Aussagen wie "Ich lasse lieber andere die Entscheidung treffen" zustimmen. Zwar ist es manchmal nützlich, solche Etiketten zu kennen, doch erklären sie nichts. Wir können nicht sagen, dass jemand sich hilflos verhält, weil er eine abhängige Persönlichkeit sei und dann behaupten, dass wir das Verhalten erklärt haben.

Abgrenzung zu anderen Naturwissenschaften

Die Genetik, die Gehirnchemie, die Physiologie und andere Faktoren spielen gewiss eine Rolle beim Verständnis des Verhaltens. Verhaltensanalytiker gehen davon aus, dass bestimmte funktionale Zusammenhänge zwischen dem Verhalten und der Umwelt eines Individuums für dieses Individuum oder für die Art, der es angehört, spezifisch sind - wegen der genetischen Ausstattung dieses Individuums. Die Gesetze des Verhaltens verleugnen nicht die Genetik, sie existieren, weil es die Genetik gibt (bzw. weil sie im Laufe der Artentwicklung ins Genom dieser Art geschrieben wurden). Der Streit zwischen Vererbungstheoretikern und Umwelttheoretikern ist bedeutungslos: Die Natur "wählte" diejenigen Individuen zum Überleben aus, die bestimmte Gesetzmäßigkeiten ihres Verhaltens vererbt bekamen, ebenso, wie die Umwelt bestimmtes Verhalten des Individuums "auswählt", so dass es in Zukunft häufiger auftritt. Auch die Gehirnchemie und die Physiologie sind von Interesse - aber nicht eigentlich für den Verhaltensanalytiker. Im Gegensatz zu den meisten psychologischen Theorien müssen die Gesetze des Verhaltens nicht auf eine zukünftige Bestätigung durch die Hirnforschung vertrösten. Glücklicherweise kann die Verhaltensanalyse gültige funktionale Zusammenhänge zwischen Verhalten und Umwelt herausarbeiten, ohne die Gehirnstruktur und -chemie zu kennen. Ebenso gab es schon lange vor der Quantenmechanik die Chemie als eine funktionierende Wissenschaft, auch wenn wir jetzt dank der Quantentheorie besser verstehen, wie die chemischen Prozesse im Detail ablaufen.

Die Kontrolle des Verhaltens

Ein wichtiger Begriff in der Verhaltensanalyse ist die "Kontrolle". Man sagt, die Umwelt kontrolliert auf bestimmte Art und Weise das Verhalten. Trotzdem verhalten sich Menschen nicht wie Marionetten ihrer Umwelt. Auch wenn die Physiker alle wesentlichen Gesetze der Mechanik kennen, können Ingenieure nicht voraussagen, wann ein Flugzeug abstürzen wird. Auch wenn theoretisch unser ganzes Verhalten determiniert (vorherbestimmt) ist, so verhindert doch die Komplexität der Wirklichkeit die vollständige Voraussage oder Kontrolle des Verhaltens. Kontrolle ist zudem nur eine Umschreibung für funktionale Zusammenhänge. In der Sprache der Verhaltensanalyse lässt sich der Umstand, dass wir uns in unserer Kleidung der Außentemperatur anpassen, als eine Kontrolle unseres Anziehverhaltens durch die Raumtemperatur beschreiben. Tausend andere Dinge kontrollieren unser gesamtes Verhalten in ähnlicher Weise.

Eine Wissenschaft

Einige Menschen lehnen den Versuch, menschliches Verhalten beschreiben, erklären und voraussagen zu wollen, überhaupt ab, das entzaubere die Welt. Doch mit jedem Rätsel, das gelöst wird, entdeckt man zehn neue. Je mehr wir verstehen, desto mehr erkennen wir, was wir noch verstehen müssen. Unwissenheit ist weder romantisch noch aufregend. Zuletzt ist die Realität nicht ein Gegenstand, über den wir nach Gefühl abstimmen können: Die Verhaltensanalytiker erfinden nicht die Gesetze des Verhaltens, sie entdecken sie nur. Niemand würde annehmen, dass es keine Gravitation gäbe, wenn Newton sie nicht wissenschaftlich erklärt hätte. Dennoch benehmen sich viele Menschen so, als ob die Verhaltenswissenschaftler für die Gesetze des Verhaltens in dieser Weise verantwortlich wären.

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zuletzt verändert am 13.03.2015