Ist die Unterscheidung zwischen "negativer" und "positiver" Verstärkung nötig?

Jack Michael (1975) zweifelt an, dass die gängige Unterscheidung von negativer und positiver Verstärkung sinnvoll und notwendig ist. Skinner benutzte diese Begriffe ursprünglich anders als heute üblich. Zunächst, 1938, verwendete er den Begriff "positive Verstärkung" für das alltagssprachliche "Belohnen" und "negative Verstärkung" für das alltagssprachliche "Bestrafen". Ein positiver Verstärker war auch schon damals ein Ereignis, dass ein Verhalten "verstärkt", wenn es gegeben wird, ein negativer Verstärker ein solches Ereignis, das ein Verhalten "verstärkt", wenn es entzogen wird. Diese Unterscheidung wurde in ein Lehrbuch übernommen, das in den fünfziger Jahren sehr verbreitet war (Keller & Schoenfeld, 1950).

1953 änderte Skinner seine Terminologie dahingehend, dass "negative Verstärkung" nun nicht mehr das Äquivalent zu "Bestrafung" darstellte, sondern es stellte nun eine Form der "Belohnung" dar, bei der ein negativer Verstärker beim Auftreten des erwünschten Verhaltens entzogen wird. Dieser Sprachgebrauch hat sich heute eingebürgert. Doch existierten mit Skinners "Science and Human Behavior" und dem Lehrbuch von Keller und Schoenfeld einige Zeit hindurch zwei verschiedene Darstellungen, die sich widersprachen. Die Verwirrung, die auch heute noch manchmal bezüglich der Verwendung des Begriffes "negative Verstärkung" herrscht, mag auch aus dieser Zeit herrühren. Michael (1975) vermutet, dass seit 1953 Tausende von Stunden von Dozenten damit zugebracht wurden, den Studenten den Unterschied zwischen "Bestrafung" und "negativer Verstärkung" zu erklären.

Holland und Skinner (1974) fassen die Begriffe in ihrer nunmehr "gültigen" Form im Kontingenzschema zusammen:

Darbietung Beseitigung
positiver Verstärker positive Verstärkung Bestrafung (durch Verlust)
negativer Vestärker Bestrafung negative Verstärkung

Der jetzige Sprachgebrauch ist nach Michael (1975) alles andere als befriedigend. Neben der verwirrenden Unterscheidung zwischen "negativer Verstärkung" und "negativem Verstärker" kommen auch noch die seines Erachtens unnötigen Synonyme "aversiver Reiz" und "Strafreiz" (punisher) hinzu.

Der Unterschied zwischen positiver und negativer Verstärkung ist nicht immer klar auszumachen, denn die Folgen für das Verhalten sind weitgehend identisch (die Rate des Verhaltens steigt). Wann kann man sagen, dass eine Änderung der Situation das "Geben" eines Reizes beinhaltet, wann das "Nehmen"? Die Anwesenheit von Futterkörnern bei einer Ratte in der Skinner Box (einem speziell für die Untersuchung der Konditionierung konstruierten Käfig) wird dann als ein "Geben" betrachtet, wenn ihre Abwesenheit gewissermaßen der Normalzustand ist. Wenn wir vom Geben eines Reizes ausgehen und daher von positiver Verstärkung sprechen, dann implizieren wir damit, dass wir die Situation nach dem Verhalten als die relevante betrachten, wenn wir von "Nehmen" (oder negativer Verstärkung) ausgehen, dann bedeutet dies, dass die Situation vor dem Verhalten die eigentlich wichtige war. Oft gelingt uns die Entscheidung, ob es sich um eine positive oder eine negative Verstärkung handelt, mühelos, weil uns die Priorität selbstverständlich erscheint. Manche Fälle lassen sich aber nicht eindeutig zuordnen. Was ist, wenn der Experimentator die Temperatur im Käfig nach dem Verhalten von 10 Grad auf 20 Grad ansteigen lässt (und die Rate des Verhaltens daraufhin ansteigt)? Handelt es sich hier um das Geben einer angemessenen Temperatur oder um das Nehmen einer unangemessenen Temperatur? Die Frage lässt sich nicht objektiv entscheiden.

Die Unterscheidung zwischen positiver und negativer Verstärkung zielt eher auf eine Art moralische Komponente hin: Einem Organismus etwas für ein Verhalten zu geben, wenn er sich im "Normalzustand" befindet, wird als positiver bewertet, als ihn in einen "Ausnahmezustand" zu versetzen, bis er ein Verhalten zeigt.

Michael schlägt vor, jede Änderung der Umwelt, die zu einer Zunahme der Rate des Verhaltens führt, als Verstärkung zu bezeichnen und jede Änderung, die zu einer Abnahme führt, als "Bestrafung". Der Bezug auf statische Zustände vor oder nach dem Verhalten entfällt so und es wird klar, dass nur eine Änderung der Umwelt einen Einfluss auf das Verhalten haben kann. Natürlich hat jede Änderung der Umweltsituation ihre eigenen Charakteristika, die sich auf die Gestalt des Verhaltens auswirken. Aber die Grenze zwischen den Fällen, die als "positive Verstärkung" und denen, die als "negative Verstärkung" bezeichnet werden, ist nach Michael zu schwammig, als dass man sie in einer Grundlagenwissenschaft zur Festlegung von Kategorien nutzen könnte. Der Ratschlag, eher positive Verstärkung als negative zu verwenden, ist aus moralischen und auch aus rein praktischen Gründen richtig. Aber die Unterscheidung zwischen positiver und negativer Verstärkung ist hierzu überflüssig. Vielmehr geht es darum, dass der Verhaltensanalytiker keine Maßnahmen ergreifen sollte, die solche Nebenwirkungen wie z.B. das Auftreten emotionaler Reaktionen haben. Die meisten Fälle, die man als negative Verstärkung bezeichnet, beinhalten Situationen, die zu unerwünschten Nebenwirkungen führen, aber dies rührt eher vom Charakter der Situation als solcher her, nicht vom Kriterium des "Nehmens" eines Reizes. Zu bedenken ist ja, dass z.B. eine Ratte, die durch eine elektrische Spannung im Käfigboden zu einer Reaktion gebracht wird, die dann "negativ" verstärkt wird (indem die Spannung reduziert wird), sich vorher vor Einsetzen des Stroms auch irgendwie verhalten hat. Diese Verhalten wird nun unkontrolliert bestraft. Dies ist einer der Gründe, warum aversive Techniken so häufig zur Inaktivität des Organismus (der so genannten erlernten Hilflosigkeit) führen (denn es werden zahlreiche Verhaltensweisen unvorhersagbar bestraft) und warum man so kaum komplexes Verhalten formen kann (denn der Einsatz eine aversiven Reizes führt zu relativ unstrukturiertem, "emotionalem" Verhalten: Die Ratte im oben genannten Experiment wird wild im Käfig herumspringen und so zufällig vielleicht in der Ecke des Käfig landen, die stromfrei ist -, nicht aber vorsichtig explorieren). Alle diese Nebenwirkungen sind nun aber auf den Einsatz von aversiven Reizen (bzw. nach Michael "negativen Verstärkern") und nicht auf die Prozedur, die man als "negative Verstärkung" bezeichnen könnte, zurückzuführen.

Baron und Galizio (2005) stellen fest, dass Jack Michaels (1975) Analyse eigentlich nichts hinzuzufügen ist. Michaels Ablehnung der Unterscheidung von positiver und negativer Verstärkung ist von anderen Verhaltensanalytikern nie kritisiert aber häufig zustimmend aufgegriffen worden. Weder konnten logische Fehler bemängelt werden, noch wurden neue empirische Fakten entdeckt, die eine solche Unterscheidung rechtfertigen würden. Dennoch wird sie in fast jedem einführenden Lehrbuch der Verhaltensanalyse aufs Neue festgeschrieben.

Catania (1998) definiert etwa:

"A stimulus is a positive reinforcer if its presentation increases the likelihood of responses that produce it, or a negative reinforcer if its removal increases the lieklihood of responses that terminate or postpone it" (p. 405).

Michael (1975) zog drei mögliche Rechtfertigungen für die Beibehaltung der Unterscheidung in Erwägung:

  1. Die Effekte von positiver und negativer Verstärkung unterscheiden sich evtl., z.B. indem sich die Verhaltenshäufigkeit schneller oder weniger schnell erhöht. Hierfür gibt es allerdings keine Anhaltspunkte. In den meisten Experimenten ist die Veränderung der Stimulusbedingung bei der negativen Verstärkung schneller und deutlicher als bei der positiven Verstärkung. Dies bedeutet aber nicht, dass der Unterschied fundamental ist. Eher muss man dies als einen Parameter der Verstärkung an sich betrachten (Aufschub der Verstärkung).
  2. Der positiven und der negativen Verstärkung liegen unterschiedliche physiologische Mechanismen zugrunde. Zwar werden bestimmte Areale des Gehirns (z.B. der Nucleus accumbens) mit "Belohnungen" in Verbindung gebracht und bestimmte andere Areale (z.B. Amygdala) eher mit aversiven Zuständen, jedoch korrespondieren diese nicht mit der positiven und der negativen Verstärkung. Alle Situationen, die als "positive Verstärkung" und als "negative Verstärkung" betrachtet werden, können sowohl als "belohnend" als auch als "einen aversiven Zustand beendend" betrachtet werden. Psychophysiologische Parameter wie erhöhter Herzschlag usw. können sowohl positive als auch negative Verstärkung begleiten. Nach wie vor gibt es keine solchen Parameter, die bestimmte Emotionen eindeutig charakterisieren würden. Auch funktionieren Verstärker oft, ohne dass sich eine physiologische Reaktion beobachten ließe.
  3. Durch die Unterscheidung lässt sich das ethisch angemessene Arbeiten von Verhaltensanalytikern deutlicher machen. Dieses Argument ist natürlich ziemlich schwach: Nur weil wir meinen, dass wir uns damit besser "verkaufen", sollten wir nicht eine unlogische Unterscheidung beibehalten.
  4. Baron und Galizio (2005) diskutieren weitere Gründe, die für die Beibehaltung der Unterscheidung sprechen könnten:

  5. Die Rolle konkurrierender Verhaltensweisen: Bei der positiven Verstärkung tritt erst das Verhalten auf, dann erfolgt die Verstärkung. Eine Ratte drückt z.B. erst den Hebel, dann erhält sie Futter. Bei der negativen Verstärkung treten Verhalten und Verstärkung zeitgleich auf (Ratte drückt Hebel und Elektroschock wird beendet). Diese Unterscheidung trifft jedoch nicht den Kern der Sache. Auch eine Ratte, die mit Futter positiv verstärkt wird, ist von Futter depriviert und kann inkompatible Verhaltensweisen zeigen (umherlaufen, in den Futternapf sehen).
  6. Gefühle: Gefühle sind zwar eher "Nebenprodukte", nicht Ursachen von Verhalten, jedoch sind sie Verhaltensweisen, die eindeutig in die Zuständigkeit der Verhaltensanalyse fallen. Könnte es also sein, dass positive Verstärkung eher von positiven Gefühlen, negative eher von negativen Gefühlen begleitet wird? Nach Skinner (1976) stellt sich das kausale Problem folgendermaßen vor dem Hintergrund der Artgeschichte des Organismus dar:

    "It has often been pointed out that competition for a mate tends to select the more skillful and powerful members of a species, but it also selects those more susceptible to sexual reinforcement. As a result, the human species, like other species, is powerfully reinforced by sugar, salt, and sexual contact. This is very different from saying that these things reinforce me because they taste or feel good" (pp. 52 53).

    Positive Verstärker werden oft mit Begriffen wie "befriedigend", "angenehm" usw. beschrieben. Negative Verstärkung wird dagegen als "Erleichterung" aufgefasst. Beide Begriffe gehen aber ineinander über. Schon Epikur (1973) erkannte das: "Ja, viele Schmerzen bewerten wir mitunter sogar höher als Freuden, nämlich dann, wenn auf eine längere Schmerzenszeit eine um so größere Freude folgt" (S. 44). Die Freude, die uns Essen bereitet, kommt ja nur dadurch zustande, dass wir einige Zeit nicht gegessen haben. Ganz grundsätzlich kann also das Gefühl nicht zur Rechtfertigung der Unterscheidung von positiver und negativer Verstärkung herangezogen werden, abgesehen davon, dass wir hier auf nicht immer verlässliche Aussagen von Menschen angewiesen sind. Die Unterscheidung ist einfach nicht so eindeutig, wie sie sich zunächst darstellte (man denke nur an den Narren, der sich mit dem Hammer auf den Finger haut, weil "es so schön ist, wenn der Schmerz nachlässt" oder an die vielen Besucher von Horrorfilmen).

Zusammenfassend stellen Baron und Galizio (2005) fest, dass man die Unterscheidung von "angenehm" und "unangenehm", zwischen "guten" und "schlechten" Dingen beibehalten sollte, dass das aber nichts mit der zweifelhaften und uneindeutigen Unterscheidung von positiver und negativer Verstärkung zu tun habe. Angesichts der Verbreitung dieser Begriffe wird man nach wie vor darauf angewiesen sein, diesen Unterschied zu kennen.

Literatur
Baron, A. & Galizio, M. (2005). Positive and negative reinforcement: Should the distinction be preserved? The Behavior Analyst, 28, 85 98.
Catania, C. (1998). Learning (4th ed.). Upper Saddle River, NJ: Prentice Hall.
Epikur. (1973). Philosophie der Freude. Stuttgart: Kröner.
Holland, J. & Skinner, B. (1974). Analyse des Verhaltens. München: Urban & Schwarzenberg.
Keller, F.S. & Schoenfeld, W.N. (1950). Principles of Psychology. New York: Appleton-Century-Crofts.
Michael, J. (1975). Positive and negative reinforcement, a distinction that is no longer necessary; or a better way to talk about bad things. In E. Ramp & G. Semb (Eds.), Behavior Analysis: Research and Application. Englewood Cliffs: Prentice Hall.
Skinner, B.F. (1938). The Behavior of Organisms. New York: Appleton-Century-Crofts.
Skinner, B.F. (1953). Science and human behavior. New York: Macmillan.
Skinner, B. F. (1976). About Behaviorism. New York: Vintage Books.

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zuletzt verändert am 08.01.2006