Skinner und die Untersuchung "privater Ereignisse"

Dem Behaviorismus wird gelegentlich vorgeworfen, er betreibe eine "Psychologie ohne Seele". Ironischerweise akzeptieren Verhaltensanalytiker "private Ereignisse" - also Gedanken, Gefühle usw. - in weit stärkerem Ausmaß als die nach dem Prinzip der "Operationalisierung" arbeitende Mehrheit der Psychologen: Dieser stützt sich auf einen veralteten methodischen Behaviorismus - der die Untersuchung des beobachtbaren Verhaltens anderer Menschen als den einzig legitimen Forschungsgegenstand ansah. Verhaltensanalytiker beschäftigen sich mit allem, was Menschen tun - und Menschen "tun" auch denken...

Innere Vorgänge als Gegenstand der Verhaltensanalyse

Innere Vorgänge (oder "private events") sind jene Ereignisse, die nur dem Individuum selbst zugänglich sind: seine Gedanken, Gefühle usw. Ein Möglichkeit, mit diesem Problem umzugehen, die oft als Behaviorismus angesehen wird, ist, diese privaten Ereignisse aus der wissenschaftlichen Untersuchung herauszunehmen. Skinner (1963 / 1984) lehnt dies ab: Innere Vorgänge sind ein Teil des Verhaltens und als solche Gegenstand der Verhaltensanalyse.

Geht man das Problem der Privatheit statt von der unmittelbaren Erfahrung vom Standpunkt des Verhaltens aus an, so ergibt sich ein überraschendes Resultat. Es ist nicht so, daß das Individuum seine inneren Vorgänge am besten kennt. Vielmehr kann es nur das "kennen", was der operanten Kontrolle durch andere zugänglich ist. Je privater ein Ereignis ist, desto weniger bewusst ist es uns. Andere Menschen sind v.a. daran interessiert, was das Individuum tut, getan hat oder beabsichtigt zu tun und sie erzeugen damit Kontingenzen, die diejenigen verbalen Reaktionen begünstigen, die die diese Ereignisse begleitenden (inneren und äußeren) Reize beschreiben. "The ´awareness´ resulting from all this is a social product" (p. 618).

Mentalistische Psychologen suchen nach dem "Abbild" der Umwelt im Gehirn (das dort "konstruiert" wird). Diese Suche dürfte, so Skinner (1963 / 1984), vergebens sein: Irgendwann müssen wir sehen, hören, riechen usw. Und Sehen, Hören und Riechen sind Handlungen, nicht Abbildungen. Natürlich können wir die Reizleitung im Gehirn untersuchen. Was wir finden werden, sind Muster von erregten Nervenzellen o.ä., nicht aber Abbilder. Zudem trägt es nichts zur Erklärung des Verhaltens eines Organismus auf eine bestimmten Reiz hin bei, wenn man die Weiterleitung des Reizes im Gehirn untersucht.

Sehen (wie andere Sinnesmodalitäten) ist noch nicht Bewusstsein. Bewusstsein besteht vielmehr darin, daß wir "sehen", was wir sehen. Beim Erinnern wandern wir nicht durch unser "Archiv", bis wir eine Kopie des zu Erinnernden finden. Auch die Experimente von Pennfield (mit der direkten Reizung des Gehirns und den damit verbundenen Erlebnissen der Probanden) rufen keine Bilder ab, sondern das Verhalten des Sehens, Hörens usw.

Die Verhaltensanalyse untersucht die Beziehung zwischen dem Verhalten des Organismus und den Umweltreizen. Mentalistische Psychologen legen mehr Wert auf die "Zwischenstationen", die "mentalen" Zustände. Diese mentalen Zustände scheinen die Lücke zwischen den abhängigen und unabhängigen Variablen in der obigen Beziehung zu überbrücken. Diese Position st besonders dann verlockend, wenn die Zeitspanne zwischen Umweltreiz und Verhalten sehr groß ist.

Operationalismus

Skinner (1984) lehnt den Operationalismus, wie ihn die moderne Psychologie betreibt, ab. Dies liegt zunächst an der in erster Linie negativen Definition von Operationalismus. Dieser besteht darin, nur über Beobachtungen, die Prozeduren, die mit der Beobachtung verbunden sind und die logischen und mathematischen Schritte, die darauf aufbauen, zu berichten und über sonst nichts.

Die Probleme des Operationalismus ergeben sich bei der Beschreibung von privaten Ereignissen. Die Frage ist, wie das Äußern des Satzes "Ich habe Zahnschmerzen" von der Gesellschaft in angemessener Weise verstärkt werden kann, wenn diese keinen Kontakt zu den Zahnschmerzen des Individuums haben kann. Zunächst, so Skinner, ist es gar nicht wahr, dass der Stimulus der verstärkt wird, offen sein muss. Man kann eine Kind beibringen, zu sagen, "Es tut mir weh", indem man es mit Wundpflastern u.ä. versorgt (diese sind nur dann ein Verstärker, wenn das Kind wirklich Schmerzen hat). Des weiteren können die "kollateralen" offenen Äußerungen des Individuums verstärkt werden, so sein schmerzverzerrtes Gesicht usw.

Diese Verbindungen zwischen den privaten Ereignissen und den Worten, die wir dafür haben, sind jedoch notwendigerweise nicht präzise, noch ermöglichen sie es dem Individuum, sich selbst zu kennen. Zudem können die Äußerungen über private Zustände nicht von diesen selbst abhängen sondern z.B. von der Deprivation bezüglich der üblicherweise damit verbundenen Verstärker (denken wir an das Kind, das über Schmerzen klagt, weil es Zuwendung möchte). Skinner fasst zusammen: "Differential reinforcement cannot be made contingent upon the property of privacy" (p. 550, Hervorhebung im Orginal).

Skinner wirft einen Blick auf den so genannten methodischen Behaviorismus. Dieser und der Operationalismus nach Boring und Stevens muss die unabweisbaren Forderungen des Behaviorismus anerkennen, aber er hält an den alten Fiktionen fest (vgl. den Gegensatz von operationaler und behavioraler Definition). Er unterscheidet private und öffentliche Ereignisse und erklärt nur die Letzteren zum Gegenstand der Psychologie. Dies ist nicht die Position des Behaviorismus, aber es ist eine, die sich leicht verteidigen lässt.

Skinner zitiert Boring (1945): "Science does not consider private data". Skinner widerspricht Boring: Seine Zahnschmerzen seien genauso physisch wie seine Schreibmaschine und er sieht keinen Grund, warum er sich nicht damit als Wissenschaftler befassen sollte. Ironischerweise muss sich Boring mir Skinners äußerem Verhalten bescheiden, während er nach wie vor am "inneren Boring" interessiert ist.

Literatur

Boring, E.G. (1945). The use of operational definitions in science. Psychological Review, 48, 519-522.
Skinner, B.F. (1963 / 1984). Behaviorism at fifty. The Behavioral and Brain Sciences, 7, 615-667.
Skinner, B.F. (1984). The operational analysis of psychological terms. The Behavioral and Brain Sciences, 7, 547-581.

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zuletzt verändert am 25.03.2005