Verhaltensorientierte Arbeitssicherheit (Behavior Based Safety, BBS)

35. BBS und der Rückgang der Arbeitsunfälle

BBS funktioniert und führt tatsächlich zu weniger Arbeitsunfällen. Die Erfolge von BBS sind in Tausenden von Firmen weltweit Realität. Zu diesen Firmen zählen klangvolle Namen wie Hewlett-Packard, Exxon Mobile Chemical, Estée Lauder und Pfitzer Pharmaceuticals (Geller, 2004). Und diese Erfolge sind nicht marginal, sondern erheblich: Im Durchschnitt wird durch BBS die Zahl der Arbeitsunfälle nach einem Jahr um 29% reduziert, nach fünf Jahren um 72% und nach sieben und mehr Jahren um 79% (ebd.).

Nicht nur in den Berichten der Unternehmen wird der Erfolg von BBS dokumentiert. Auch in zahlreichen wissenschaftlichen Studien konnte die Wirksamkeit der verhaltensorientierten Arbeitssicherheit demonstriert werden. Sulzer-Azaroff und Austin (2000) berichten über Untersuchungen zum Einfluss von BBS-Programmen auf die Unfallraten in Betrieben. Von den 33 Studien, deren Ergebnisse sie zusammenfassen, berichteten 32 von einem Rückgang der Arbeitsunfälle mit Verletzungsfolgen als Resultat von BBS. Die Studien stammen aus den verschiedensten Industrien, von Papierfabriken über Nahrungsmittelerzeuger bis zur Schiffswerft. Überwiegend werden mindesten zweistellige Rückgänge in Prozenten angegeben, nicht selten auch Rückgänge auf Null Arbeitsunfälle über mehrere Jahre hinweg.

Zur Illustration zwei Beispiele, die den langfristigen Erfolg von BBS-Maßnahmen belegen:

In drei kunststoffverarbeitenden Betrieben war der Kontakt mit giftigen Substanzen eines der Hauptprobleme im Bereich der Arbeitssicherheit. Das Problem war hier weniger die Vermeidung dieses Kontakts, sondern dass bestehende Sicherheitsmerkmale (wie der Luftabzug) nicht genutzt wurden. Die Arbeiter standen auch häufig im Abwind eines anderen Arbeiters, der z.B. giftige Lacke versprühte, oder sie besprühten versehentlich den Boden oder Einrichtungen, so dass andere Mitarbeiter mit den Substanzen in Kontakt kamen. Eine Beratergruppe um Bill Hopkins (1986) wählte eine Liste von 20 spezifischen und messbaren Verhaltensweisen aus, die sie in drei verschiedenen Fabriken zeitlich versetzt in einem BBS-System als Zielverhaltensweisen einführten. Diese Verhaltensweisen waren z.B. den Luftabzug bei bestimmten Tätigkeiten einzuschalten oder den Hautkontakt mit bestimmten Stoffen zu vermeiden. Die Arbeiter hatten zunächst Bedenken, dass die Einhaltung der Sicherheitsvorschriften den Arbeitsprozess verzögern würde. Das Programm wurde aber gut angenommen und führte zu einer Verringerung der Belastung durch die entsprechende Substanz um 38 bis 85 % (Styrol; die individuelle Belastung wurde durch Teströhrchen an der Kleidung der Arbeiter gemessen). Der langfristige Erfolg der Maßnahme bestätigte sich bei einer Folgeuntersuchung nach zwei Jahren.

Minenarbeiter im Tagebau halten es für selbstverständlich, dass ihre Arbeit gefährlich ist. Zwei BBS-Maßnahmen im Uran-Tagebau (Fox, Hopkins & Anger, 1987) zeigen, wie sehr sich die Arbeitsunfälle verringern lassen, ohne dass die Produktion darunter leidet. Vor Einführung von BBS verursachten in der Firma Shirley Basin die 400 Mitarbeiter in einem Jahr 104 schwere Unfälle und 162 Unfälle mit Fahrzeugen. In der anderen Firma (Najaho Mine) kam es in fünf Jahren zu zwei Todesfällen bei einer Unternehmensgröße von 450 Mitarbeitern. Die Mitarbeiter waren in der Vermeidung von Sicherheitsrisiken gut geschult worden. In den siebziger Jahren wurde ein BBS-System eingeführt, bei dem Bonuspunkte für sicheres Verhalten gegen frei wählbare Sachprämien eingetauscht werden konnten ("Token-System"). Obwohl die Mitarbeiter der Sache skeptisch gegenüber standen, reduzierte sich die Anzahl der Unfälle durch BBS auf 15% bzw. 32% des Ausgangsniveaus, die Minenbetriebe lagen dadurch mit ihrer Unfallrate auf einem Viertel bzw. auf einem Zwölftel des Durchschnitts der Minen in den USA. Die jährlichen Kosten für solche Unfälle reduzierten sich von $ 294 000 auf $ 29 000 bzw. von $ 367 000 auf $ 39 000. Die jährlichen Kosten der Maßnahme (Kosten für die Prämien) beliefen sich dabei nur auf $ 9 000 bzw. $ 13 500, was einem Return on Investment von 28 zu 1 bzw. 13 zu 1 entspricht. Das Programm wurde in einer der Minen zwölf Jahre lang aufrechterhalten und endete erst mit der Schließung der Mine. In der anderen Mine wird das Programm auch heute noch nach über 30 Jahren Laufzeit mit Erfolg eingesetzt (McSween, 2001, S. 269).

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Oder wählen Sie ein Kapitel:

  1. Was ist BBS?
  2. Die Ausgangslage
  3. Grundlagen von BBS
  4. Einige Nachteile traditioneller Ansätze zur Arbeitssicherheit
  5. Ergebnis- und prozessgesteuerte Unternehmensführung
  6. Ein Programm zur verhaltensorientierten Arbeitssicherheit einführen
  7. Phasen bei der Einführung von BBS
  8. Das Sicherheitsassessment
  9. Einführungsveranstaltung und Schulung
  10. Die Planung
  11. Werte entwickeln
  12. Die Planung der Teilprozesse
  13. Beobachtungen planen
  14. Analysiere frühere Unfälle
  15. Entwickle eine Liste der bedeutsamen arbeitssicheren Verhaltensweisen
  16. Entwerfe und überarbeite die Punktekarte
  17. Entwickle eine Beobachtungsprozedur
  18. Das Feedback
  19. Mache einen Probedurchlauf
  20. Auszeichnungen und Belohnungen
  21. Das Beobachten
  22. Die Einführung von BBS
  23. Die Steuerungsgruppe
  24. Die Rolle des Managements
  25. Besonderheiten bezüglich schwerer Unfälle
  26. Selbstbeobachtungen
  27. Besonderheiten der Steuerungsgruppe
  28. Verhalten erkennen
  29. Verbesserungsprojekte
  30. Anerkennungen und Feiern
  31. Weitere, mögliche Komponenten von BBS
  32. Die Verankerung von BBS in der Unternehmenskultur
  33. Fallbeispiele
  34. BBS-Systeme in anderen Organisationen: Fallbeispiel Schulbus
  35. BBS und der Rückgang der Arbeitsunfälle
  36. Das Beobachten hilft auch dem Beobachter
  37. Worauf man sonst noch achten muss
  38. Literatur

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