Verhaltensorientierte Arbeitssicherheit (Behavior Based Safety, BBS)

19. Mache einen Probedurchlauf

Diese Beobachtungsprozedur sollte einem Probedurchlauf unterzogen werden. Aufgrund dieses Probedurchlaufs kann man dann die Prüfliste überarbeiten, die Bebachterübereinstimmung sicherstellen und eine Datengrundlage für die Prüfliste entwickeln.

Die Bebachterübereinstimmung stellt man fest, indem man zwei trainierte Beobachter dieselben Tätigkeiten unabhängig voneinander beobachten lässt und dann mittels der Formel „Übereinstimmende Beobachtungen geteilt durch Gesamtzahl der Beobachtungen“ einen Prozentwert errechnet. Liegt dieser Wert bei über 80% kann man die Beobachterübereinstimmung und damit die Qualität der Beobachtung als ausreichend betrachten. Liegt er darunter, muss man die Beobachter weiter trainieren (z.B. indem man sie zusammen beobachten lässt und über Unstimmigkeiten diskutieren lässt). Grundsätzlich gilt: Je besser die Definitionen in der Prüfliste sind, desto leichter wird es neuen Beobachtern fallen, akkurate Beobachtungen durchzuführen.

Neben dem unmittelbaren Feedback, das der Beobachter dem Mitarbeiter gibt, wird im BBS-Prozess noch eine zusammenfassende Rückmeldung in Form von Grafiken gegeben. Wie diese Grafiken gestaltet werden und wie die Daten vermittelt werden, sollte vorab festgelegt werden. Einige Firmen haben mit dem Aushängen von schlecht geplanten Grafiken (z.B. bzgl. der Einhaltung von Qualitätsstandards) schlechte Erfahrungen gemacht. Die Mitarbeiter werden hier besondere Vorbehalte gegen solche Aushänge haben. Wenn dies der Fall ist, empfiehlt es sich, zunächst auf das Aushängen solcher Grafiken zu verzichten und die Daten nur in der Steuerungsgruppe zu diskutieren. Wenn die Mitarbeiter nach und nach Vertrauen zum Beobachtungsprozess gefasst haben, kann man dazu übergehen, die Grafiken in den Arbeitsbereichen auszuhängen und die Daten in wöchentlichen Sicherheitstreffen zu besprechen.

Es empfiehlt sich, für jeden Arbeitsbereich zwei Grafiken zu entwerfen. Eine sollte den Anteil der sicheren Verhaltensweisen darstellen, die andere den Anteil der durchgeführten Beobachtungen. Die erste Grafik kann auch aufgeteilt werden in einen Gesamtwert und Teilwerte, entweder für alle Punkte auf der Beobachtungspunktekarte einzeln oder nur für einen bestimmten Punkt (der etwa gerade in einem Programm, z.B. zum sicheren Heben von Lasten, besonderes behandelt wird). Dies ist insbesondere dann zu empfehlen, wenn die Steuerungsgruppe den Mitarbeitern verdeutlichen will, warum bestimmte Punkte besonders wichtig sind.

Das oberste Prinzip bei der Gestaltung solcher Grafiken ist, dass sie einfach und verständlich sein sollen. Ein Mitarbeiter sollte in der Lage sein, im Vorbeigehen auf einen Blick die wichtigsten Informationen zu erfassen. In der Grafik sollte auch erfasst werden, wann und von wem die einzelnen Beobachtungen durchgeführt wurden. Anfang ist es auch empfehlenswert, die Grafiken von den Beobachtern per Hand aktualisieren zu lassen – der ganze Vorgang wird so zeitnaher und anschaulicher. Eine Erfassung der Daten im PC ist zusätzlich empfehlenswert, um so die ganzen Möglichkeiten statistischer Auswertungen ausschöpfen zu können.

Manager und Vorarbeiter sollten angewiesen werden, in keiner Weise auf niedrige Prozentwerte zu reagieren. Nur so kann das Vertrauen in den BBS-Prozess als mitarbeitergesteuert erhalten bleiben. Auf gute Werte in den Grafiken sollte dagegen oft und in spezifischer Weise reagiert werden. Wichtig ist es allerdings, immer die dahinterstehende Arbeitssicherheit zu betonen, nicht die Zahlen oder Grafiken.

Die Daten sollen in regelmäßigen Treffen besprochen werden. Für das Management sollten nur die Daten bezüglich des Anteils durchgeführter Beobachtungen relevant sein. Das Management sollte sich nicht auf die Ergebnisse, sondern nur auf den Prozess der Arbeitssicherheit konzentrieren, andernfalls wird es das Vertrauen in die Bemühungen um Arbeitssicherheit ruinieren. Wenn das Management bspw. Druck ausübt, weil es mit dem Anteil an sicherem Verhalten nicht zufrieden ist, wird es nur dafür sorgen, dass die Beobachtungen nicht mehr akkurat durchgeführt werden.

Auf der Grundlage dieser Daten sollen nun Verbesserungsziele definiert werden. Diese Ziele sollten realistisch und innerhalb von ein bis drei Monaten erreichbar sein. Dieses Ziel sollte in der Grafik mit einer Linie markiert werden, so dass die Mitarbeiter die Annäherung und das Erreichen dieses Ziels optisch mitverfolgen können. Es empfiehlt sich bisweilen, nur für einzelne Punkte der Punktekarte Ziele festzulegen. Diese sind dann leichter erreichbar und stärken das Vertrauen darin, auch in anderen Punkten Verbesserungen erreichen zu können.

Die Verantwortlichkeit für die Zielsetzung sollte von vorn herein klar geregelt sein. Man könnte vermuten, dass der BBS-Prozess am besten funktioniert, wenn die Ziele von den Mitarbeitern selbst gesetzt werden. Die Forschung zeigt aber, dass es keine Rolle spielt, ob die Ziele von den Mitarbeitern, der Steuerungsgruppe oder dem Management gesetzt werden, so lange die Zielsetzung gemäß der Regeln erfolgt. Dass aber Ziele gesetzt werden ist unabdingbar: Nur so vermeidet man den Wettbewerb zwischen einzelnen Arbeitsgruppen. Diese sind ja nur bedingt vergleichbar und in jedem Wettbewerb gibt es Verlierer, die frustriert werden und so ihr Engagement reduzieren. Bei der richtig verstandenen Zielsetzung aber gibt es nur Gewinner.

Langfristig sollte man als Ziel anpeilen, dass alle Mitarbeiter auch Beobachter sind. Ein Schritt in diese Richtung kann sein, dass bereits trainierte Beobachter und neue Aspiranten zusammen Beobachtungen durchführen.

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Oder wählen Sie ein Kapitel:

  1. Was ist BBS?
  2. Die Ausgangslage
  3. Grundlagen von BBS
  4. Einige Nachteile traditioneller Ansätze zur Arbeitssicherheit
  5. Ergebnis- und prozessgesteuerte Unternehmensführung
  6. Ein Programm zur verhaltensorientierten Arbeitssicherheit einführen
  7. Phasen bei der Einführung von BBS
  8. Das Sicherheitsassessment
  9. Einführungsveranstaltung und Schulung
  10. Die Planung
  11. Werte entwickeln
  12. Die Planung der Teilprozesse
  13. Beobachtungen planen
  14. Analysiere frühere Unfälle
  15. Entwickle eine Liste der bedeutsamen arbeitssicheren Verhaltensweisen
  16. Entwerfe und überarbeite die Punktekarte
  17. Entwickle eine Beobachtungsprozedur
  18. Das Feedback
  19. Mache einen Probedurchlauf
  20. Auszeichnungen und Belohnungen
  21. Das Beobachten
  22. Die Einführung von BBS
  23. Die Steuerungsgruppe
  24. Die Rolle des Managements
  25. Besonderheiten bezüglich schwerer Unfälle
  26. Selbstbeobachtungen
  27. Besonderheiten der Steuerungsgruppe
  28. Verhalten erkennen
  29. Verbesserungsprojekte
  30. Anerkennungen und Feiern
  31. Weitere, mögliche Komponenten von BBS
  32. Die Verankerung von BBS in der Unternehmenskultur
  33. Fallbeispiele
  34. BBS-Systeme in anderen Organisationen: Fallbeispiel Schulbus
  35. BBS und der Rückgang der Arbeitsunfälle
  36. Das Beobachten hilft auch dem Beobachter
  37. Worauf man sonst noch achten muss
  38. Literatur

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