Verhaltensorientierte Arbeitssicherheit (Behavior Based Safety, BBS)

20. Auszeichnungen und Belohnungen

Als nächstes sollen Regeln für Auszeichnungen und Belohnungen für sicheres Arbeiten aufgestellt werden. Das Problem mit traditionellen Preisen für Arbeitssicherheit ist, dass durch sie oft Mitarbeiter belohnt werden, die Risiken auf sich nehmen und dabei einfach nur Glück haben, da die Preise hier für so und so viele Monate ohne Arbeitsunfall vergeben werden.. Auszeichnungen sollten daher vor allem für sicheres Arbeiten vergeben werden, bzw. für Aktivitäten, die das sichere Arbeiten fördern, wie z.B. das Durchführen von Beobachtungen, von Sicherheitstrainings usw.

Auszeichnungen sollten darüber hinaus so klein wie möglich (um nicht das „Schummeln“, also z.B. das Ausfüllen von Bögen ohne Beobachtung, zu fördern) und so groß wie nötig (um noch einen Anreiz darzustellen) sein. Niemals sollten Sicherheitspreise einen Teil der Entlohnung darstellen.

Um die Auszeichnungen für Sicherheit bekannt zu machen, muss man eine interne Marketing-Kampagne starten. Man sollte dabei bedenken, dass viele Mitarbeiter schon schlechte Erfahrungen mit früheren Preisen und Auszeichnungen für Arbeitssicherheit gemacht haben.

Zunächst sollte man unterscheiden zwischen Auszeichnungen und Anreizen. Auszeichnungen sollten auf lokaler Ebene vergeben werden, also in den Abteilungen. Anreizprogramme sollten unternehmensweit durchgeführt werden.

Was die Auszeichnungen angeht, sollte zunächst veranlasst werden, dass die Steuerungsgruppe und das Management das Vergeben von Auszeichnungen regelmäßig auf ihre Tagesordnung setzen.

Die einfachste Auszeichnung ist ein ganz gewöhnlicher, persönlicher Ausdruck der Wertschätzung, z.B. eine Erwähnung während eines Sicherheitstreffens, ein kurzer Brief u.ä. Wenn dies regulär und mit Überzeugung geschieht, kann das sehr viel mehr als ein gelegentlicher Preis bewirken.

Die nächste Stufe ist eine geplante Auszeichnung, die vergeben wird, wenn ein Mitarbeiter oder eine Arbeitsgruppe ein bestimmtes Kriterium erfüllt, z.B. alle geplanten Beobachtungen durchgeführt hat, bestimmte Punkte der Checkliste erfüllte usw. Diese Auszeichnungen sind entweder bestimmte, festgelegte Preise (wie z.B. Kaffeetassen, T-Shirts etc.) oder ein Angebot von bestimmten Dingen oder Aktivitäten (Pizza für alle, eine Extra-Frühstückspause etc.), aus denen man auswählen kann. Wenn die Preise festgelegt sind, sollte man dies als ein Programm durchführen, d.h. mit einem festgelegten Ende – andernfalls interessieren die Preise irgendwann keinen mehr. Die Preise sollte hier die Steuerungsgruppe vergeben.

Ein vollständiges Programm von Auszeichnungen sollte nach Ebenen differenziert sein. Dies lässt sich planen und konstruieren. Zunächst sollte man die Kriterien für (z.B. fünf) verschiedene Ebenen sicheren Arbeitens festlegen. Auf der untersten Ebene etwa werden die Preise an Mitarbeiter vergeben, die einen Verbesserungsvorschlag eingereicht haben, der umgesetzt wurde oder für Mitarbeiter, die ein Sicherheitstreffen geleitet haben. Auf der obersten Ebene gehen die Preise z.B. an eine Arbeitsgruppe, die die Sicherheitsbeobachtungen ein Jahr lang akkurat durchgeführt hat. Diesen Ebenen muss man nun die möglichen Preise zuordnen. Der Wert eines Preises sollte der Ebene angemessen sein, z.B. für die unterste Ebene um Wert von 10 bis 25 Euro, auf der obersten Ebene bis zu 250 Euro. Dabei ist jedoch immer zu bedenken, dass diese Preise keine Bezahlung darstellen, es sollte sich also nicht um Geld handeln, sondern um etwas „Besonderes“, das eine bestimmte Bedeutung hat. Am einfachsten macht man erst mal ein Brainstorming. Die dabei genannten Preise lassen sich in der Regel in drei Kategorien aufteilen: Sozial bedeutsame Preise (wie z.B. ein Brief an die Familie, in der das Engagement für die Arbeitssicherheit lobend erwähnt wird oder ein Aushang am schwarzen Brett usw.), arbeitsbezogene Preise (z.B. Training für eine bestimmte, erwünschte Aufgabe, Teilnahme an der Präsentation vor dem Management) und Sachpreise (z.B. ein Abendessen mit der Ehefrau / dem Ehemann bis hin zu einer Stereoanlage oder Wertpapieren). Man kann mögliche Preise auch in einer Umfrage bei den Mitarbeitern herausfinden. Diese Preise sollte man dann von den Mitarbeitern bzgl. ihrer Bedeutsamkeit einschätzen lassen. Die teuersten Preise müssen nicht unbedingt die am meisten wertgeschätzten sein. So erstellt man dann eine Rangreihe der am meisten wertgeschätzten Preise und ordnet diese den einzelnen Ebenen des Auszeichnungssystems zu. Somit hat man ein Menu mit den Ebenen, den dafür zu erfüllenden Kriterien und den möglichen Preisen.

Die Vergabe dieser Preise sollte auch geplant sein. Es sollte sich um eine Veranstaltung handeln, die für alle Beteiligten angenehm ist, eine echte Feier der erreichten Arbeitssicherheit. Solche Veranstaltungen sollten in regelmäßigen Abständen immer wieder durchgeführt werden, ihre Planung sollte ein regelmäßiger Tagesordnungspunkt der Steuerungsgruppe sein. Das Management sollte bei diesen Feiern beteiligt sein, um so ihre Wertschätzung für den BBS-Prozess zum Ausdruck zu bringen.

In einigen Firmen werden Preise in Form von Lotterien vergeben. Das kann einerseits Spaß machen, andererseits bringt es die Gefahr mit sich, dass ein Wettbewerb entsteht und dass Gefühle verletzt werden. Generell sollte es bei solchen Lotterien so eingerichtet sein, dass jeder in Relation zu seinen Verdiensten gewinnt, z.B. indem man für die Erfüllung bestimmter Kriterien eine bestimmte Anzahl von Losen gewinnen kann.

Die Steuerungsgruppe sollte die Vergabe von Preisen gut dokumentieren, um so zu vermeiden, dass jemand denselben Preis noch mal erhält.

Der Plan für die Auszeichnungen für Arbeitssicherheit muss dem Management mit einer vorläufigen Kostenkalkulation zur Genehmigung vorgelegt werden. Dabei empfiehlt es sich, die Kosten etwas höher zu schätzen, so dass man vermeidet, dass evtl. für Preise kein Geld mehr da ist. Dieses Auszeichnungssystem kann durch das Entlohnungssystem unterstützt werden. Allerdings empfiehlt sich dies eher für das Management und seine Leistung beim Unterstützen des BBS-Prozesses. Keinesfalls sollten solche Gehaltsbestandteile für niedrige Unfallzahlen vergeben werden, da so das Risiko wächst, dass das Management Druck ausübt, um die Statistiken zu schönen.

Anreizsysteme sind mit Vorsicht zu genießen. Um die Gefahr der „falschen Berichterstattung“ zu minimieren, sollten folgende Punke berücksichtigt werden:

Eine angemessen Möglichkeit stellt die Beteiligung der Mitarbeiter an den Einsparungen, die durch BBS gemacht wurden, dar. Dadurch wird nicht das Berichten von kleinen Unfällen oder Beinahe-Unfällen unterdrückt, denn diese kosten dem Betrieb in der Regel fast nichts. Große Unfälle lassen sich ohnehin schwer vertuschen, so dass hier die Gefahr, durch den Anreiz nur die Statistik zu schönen, relativ gering ist. Außerdem erhöht es die Bereitschaft des Betriebes, Mitarbeitern, die verletzt wurden, eine möglichst schnelle Rückkehr in die Arbeit (z.B. mittels einer stufenweisen Wiedereingliederung) zu ermöglichen.

Manager sollten keinesfalls die Beobachtungsdaten aus dem BBS-Prozess zur Einstufung von Mitarbeitern (oder bei Entscheidungen über Beförderungen und Gehaltserhöhungen) heranziehen. Sie sollten sich auf Beobachtungen, die außerhalb des BBS-Prozesses gemacht wurden, beziehen, z.B. ihre eigenen Beobachtungen dahingehend, wie sehr sich der Mitarbeiter für Arbeitssicherheit engagiert.

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Oder wählen Sie ein Kapitel:

  1. Was ist BBS?
  2. Die Ausgangslage
  3. Grundlagen von BBS
  4. Einige Nachteile traditioneller Ansätze zur Arbeitssicherheit
  5. Ergebnis- und prozessgesteuerte Unternehmensführung
  6. Ein Programm zur verhaltensorientierten Arbeitssicherheit einführen
  7. Phasen bei der Einführung von BBS
  8. Das Sicherheitsassessment
  9. Einführungsveranstaltung und Schulung
  10. Die Planung
  11. Werte entwickeln
  12. Die Planung der Teilprozesse
  13. Beobachtungen planen
  14. Analysiere frühere Unfälle
  15. Entwickle eine Liste der bedeutsamen arbeitssicheren Verhaltensweisen
  16. Entwerfe und überarbeite die Punktekarte
  17. Entwickle eine Beobachtungsprozedur
  18. Das Feedback
  19. Mache einen Probedurchlauf
  20. Auszeichnungen und Belohnungen
  21. Das Beobachten
  22. Die Einführung von BBS
  23. Die Steuerungsgruppe
  24. Die Rolle des Managements
  25. Besonderheiten bezüglich schwerer Unfälle
  26. Selbstbeobachtungen
  27. Besonderheiten der Steuerungsgruppe
  28. Verhalten erkennen
  29. Verbesserungsprojekte
  30. Anerkennungen und Feiern
  31. Weitere, mögliche Komponenten von BBS
  32. Die Verankerung von BBS in der Unternehmenskultur
  33. Fallbeispiele
  34. BBS-Systeme in anderen Organisationen: Fallbeispiel Schulbus
  35. BBS und der Rückgang der Arbeitsunfälle
  36. Das Beobachten hilft auch dem Beobachter
  37. Worauf man sonst noch achten muss
  38. Literatur

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