Verhaltensorientierte Arbeitssicherheit (Behavior Based Safety, BBS)

8. Das Sicherheitsassessment

Ein Sicherheitsassessment ist nicht dasselbe wie ein Sicherheitsaudit. Bei einem Sicherheitsaudit wird untersucht, in wie weit die Mitarbeiter den bereits etablierten Sicherheitsprozeduren gerecht werden. Ein Sicherheitsassessment soll uns dagegen einen vollständigen Überblick über den gegenwärtigen Stand der Arbeitssicherheit in einem Unternehmen verschaffen, so dass wir bessere Empfehlungen abgeben können. Die Interviews, Diskussionen und Präsentationen im Lauf des Assessments verbessern die Unterstützung des BBS-Prozesses durch die Mitarbeiter. Das Assessment wird unsere Einschätzung über den Stand der Sicherheit entweder bestätigen oder widerlegen. So können wir glaubwürdige Empfehlungen abgeben, die den Status quo angemessen berücksichtigen.

Das Assessment wird entweder von einem Team oder einem Einzelnen – aus dem Unternehmen oder einem externen Berater - durchgeführt. Die Dauer des Assessments kann dabei von wenigen Tagen bis zu mehreren Wochen variieren. Die Ziele des Assessments sind es, die gegenwärtigen Bemühungen um Arbeitssicherheit zu ermitteln und einen Plan zu entwerfen, der auf dieser Grundlage aufbaut, den Input möglichst vieler verschiedener Mitarbeiter aufzunehmen, Hoch-Risiko-Bereiche und Tätigkeiten zu identifizieren, zum einen durch Interviews, zum anderen durch die Betrachtung der Statistik, Trainingsdefizite zu ermitteln, potentielle Mitglieder für die Planungsgruppe zu werben und sich die Unterstützung des Managements für die Umsetzung zu sichern. Am Ende des Assessments sollte ein Bericht oder eine Präsentation stehen, in welchem die Ergebnisse zusammengefasst werden, die weitere Planung beschrieben und empfohlen wird, bestimmte Mitglieder für die Planungsgruppe vorgeschlagen werden, ein vorläufiger Plan für jede Phase des Projekts vorgelegt wird sowie ein Zeitplan und eine Kalkulation für das gesamte Projekt.

Zunächst sollte man die Sicherheitsstatistik und die einzelnen Unfallberichte des Unternehmens sichten und diese mit dem Branchendurchschnitt vergleichen. Dies ist wichtig, wenn es darum geht, wie man die Maßnahme „verkauft“ und um einzuschätzen, ob und welche Sicherheitsproblem das Unternehmen hat. Auch kann man so die Bereiche und Tätigkeiten mit den höchsten Sicherheitsrisiken herausfinden: Welche Ausstattung (Maschinen etc.) und welche Arbeitsgänge sind am riskantesten? Hier geht es aber noch nicht darum, diejenigen Verhaltensweisen zu erkennen, die diese Unfälle hätten verhindern können, sondern nur um eine Bestandsaufnahme.

Daran schließen sich Interviews mit den Managern und Mitarbeitern an. Die Fragen umfassen die Details des Sicherheitsprozesses (z.B. „Gibt es regelmäßige Sicherheitsaudits?“), wie in der Firma über Arbeitssicherheit kommuniziert wird usw. (detaillierte Liste möglicher Fragen und der Anforderungen auf S. 43f). Man sollte hier darauf drängen, möglichst präzise Antworten zu bekommen, die sich auf konkrete Beobachtungen beziehen, nicht auf Meinungen, Hörensagen oder Gefühle. Weitere Fragen: Welche Aufgaben sind die gefährlichsten in diesem Bereich? Wie schnell werden Sicherheitsprobleme behoben? Welche Art von Training haben Sie erhalten? Wird die Ausrüstung ordentlich gewartet? Wer könnte an der Planungsgruppe teilnehmen? Mit wem könnte ich noch sprechen, um mehr zu erfahren?

Bei größeren Unternehmen ist es manchmal ratsam, eine Fragebogenuntersuchung durchzuführen, wobei jedoch auf die Wahl der Fragen zu achten ist: Diese sollten ebenfalls sehr konkret sein und nicht nach Meinungen und Einschätzungen fragen.

Während des Sicherheitsassessments sollte man verschiedene Sicherheitstreffen besuchen und typische Sicherheitsaudits in verschiedenen Bereichen beobachten. Werden die Treffen gut vorbereitet, gibt es eine Tagesordnung, beteiligen sich die Mitarbeiter aktiv daran, werden beim Treffen aktuelle Daten zu Sicherheit und Beinahe-Unfälle besprochen usw.? Bei der Beobachtung von Audits ist darauf zu achten, dass diese sich meisten nur um Probleme der Ausstattung u.ä. drehen, weniger darum, inwiefern sich die Mitarbeiter sicher oder unsicher verhalten. Auch die Beobachtung konkreten Arbeitsverhaltens ist sinnig, insbesondere, um konkrete Beispiele für Checklisten oder Trainingsunterlagen zu gewinnen.

Man vergleiche nun die gewonnen Daten mit den Empfehlungen, wie sie aus den wissenschaftlichen Untersuchungen zu BBS hervorgehen und entwickle einen Plan, wie sich das Unternehmen diesen Standards annähern kann. Manchmal ist es ratsam, erst ein Pilotprojekt in nur einer Abteilung, die evtl. sehr hohe Unfallraten hat, durchzuführen, um so ein gute Beispiel zu gewinnen.

Der Bericht und / oder die Präsentation der Ergebnisse dient dazu, sich der Unterstützung des Managements zu versichern. Die Präsentation ist eine Verkaufsveranstaltung. Man sollte den Nutzen des BBS-Prozesses betonen: Mitarbeiter, die mehr von Sicherheit verstehen, besseres Einhalten von Sicherheitsvorschriften, niedrige Unfallraten und Nachhaltigkeit des Prozesses. Das Management muss den BBS-Prozess insofern unterstützen, als es am Design Team teilnimmt, an den wöchentlichen Beobachtungen, über die Sicherheitsdaten in Sitzungen berichtet und indem es den Mitarbeitern die Zeit gewährt, um am Prozess teilzunehmen.

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Oder wählen Sie ein Kapitel:

  1. Was ist BBS?
  2. Die Ausgangslage
  3. Grundlagen von BBS
  4. Einige Nachteile traditioneller Ansätze zur Arbeitssicherheit
  5. Ergebnis- und prozessgesteuerte Unternehmensführung
  6. Ein Programm zur verhaltensorientierten Arbeitssicherheit einführen
  7. Phasen bei der Einführung von BBS
  8. Das Sicherheitsassessment
  9. Einführungsveranstaltung und Schulung
  10. Die Planung
  11. Werte entwickeln
  12. Die Planung der Teilprozesse
  13. Beobachtungen planen
  14. Analysiere frühere Unfälle
  15. Entwickle eine Liste der bedeutsamen arbeitssicheren Verhaltensweisen
  16. Entwerfe und überarbeite die Punktekarte
  17. Entwickle eine Beobachtungsprozedur
  18. Das Feedback
  19. Mache einen Probedurchlauf
  20. Auszeichnungen und Belohnungen
  21. Das Beobachten
  22. Die Einführung von BBS
  23. Die Steuerungsgruppe
  24. Die Rolle des Managements
  25. Besonderheiten bezüglich schwerer Unfälle
  26. Selbstbeobachtungen
  27. Besonderheiten der Steuerungsgruppe
  28. Verhalten erkennen
  29. Verbesserungsprojekte
  30. Anerkennungen und Feiern
  31. Weitere, mögliche Komponenten von BBS
  32. Die Verankerung von BBS in der Unternehmenskultur
  33. Fallbeispiele
  34. BBS-Systeme in anderen Organisationen: Fallbeispiel Schulbus
  35. BBS und der Rückgang der Arbeitsunfälle
  36. Das Beobachten hilft auch dem Beobachter
  37. Worauf man sonst noch achten muss
  38. Literatur

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