Was ist der Unterschied zwischen OBM und der ABO-Psychologie?

Die ABO-Psychologie (Arbeits-, Betriebs- und Organisationspsychologie) beschäftigt sich hauptsächlich mit der Personalauswahl und –entwicklung. Deutlich geprägt wurde die ABO-Psychologie durch die Persönlichkeitspsychologie und die Theorie von Kurt Lewin, die eine Tendenz zu einer kognitionspsychologischen Grundausrichtung angelegt hat. Die meiste Forschung im Bereich ABO ist theorie-testend. Eine der wichtigsten Zeitschriften im Bereich ABO ist das Journal of Applied Psychology (JAP).

Demgegenüber gibt es bei OBM eine einheitliche theoretische Grundlage. Zweck der OBM-spezifischen Forschung ist vorrangig nicht das Testen von Theorien sondern die Anwendung verhaltensanalytischer Prinzipien. Die ABO orientiert sich an einem physikalischen Wissenschaftsmodell (innere Ursachen bewirken äußerliche Veränderungen), das OBM an einem biologischen (selektionistischen) Modell. Wer OBM erfolgreich betreiben will, muss die behavioristische Grundlage verstanden haben. Die wichtigste Zeitschrift im Bereich OBM ist das Journal of Organizational Behavior Management (JOBM), das seit 1977 existiert.

Bucklin und andere (2000) verglichen die im Journal of Applied Psychology und im Journal of Organizational Behavior Management im Zeitraum von 1987 bis 1997 erschienen Artikel. Indirekt vergleichen sie dabei natürlich auch die unterschiedlichen dahinterstehenden Ansätze, ABO-Psychologie und OBM. In beiden Zeitschriften stammen die meisten Autoren aus dem universitären Umfeld und die meisten Autoren sind Männer. Die „Schnittmenge“ der Autorenschaft ist recht gering: Nur neun Autoren haben in beiden Zeitschriften veröffentlicht, keiner davon mehr als einmal.

Die Themen, die behandelt werden, unterscheiden sich deutlich: Das für die ABO-Psychologie zentrale Thema Personalauswahl und –entwicklung spielt im Journal of Organizational Behavior Management keine Rolle. Hier ist die Produktivität und die Qualität der Arbeit das vorherrschende Thema. Das Journal of Applied Psychology weist ein größeres Themenspektrum auf. – Bucklin und ihre Kolleginnen merken an, dass viele dieser Themen auch aus verhaltensanalytischer Perspektive bearbeitet werden könnten.

83% der Artikel im Journal of Applied Psychology berichten von Forschungen gegenüber nur 53% der Artikel in Journal of Organizational Behavior Management. 39% der Artikel im Journal of Applied Psychology berichtet von experimenteller Forschung, 61% von korrelativen Studien. Demgegenüber sind 95% der im Journal of Organizational Behavior Management berichteten Forschungen Experimente und 5% Beobachtungsstudien. 77% der im Journal of Organizational Behavior Management berichteten Experimente sind Feldexperimente, gegenüber lediglich 18,5% Feldstudien im Journal of Applied Psychology. 43% der Artikel im Journal of Organizational Behavior Management berichten von Forschungen, die zur Lösung von Fragestellungen aus der Praxis durchgeführt wurden, gegenüber lediglich 6% im Journal of Applied Psychology. Die Lücke zwischen Theorie und Praxis scheint in der ABO größer zu sein als im OBM. Forscher, die im Journal of Applied Psychology berichten, untersuchen auch seltenst das Verhalten direkt. – Zu 99% sind die abhängigen Variablen nicht das Verhalten, sondern das Ergebnis eines Verhaltens zur Hälfte finden hier Selbsteinschätzungen der Teilnehmer Eingang. Demgegenüber messen die Forscher im Journal of Organizational Behavior Management zu 76% den Einfluss einer unabhängigen Variable auf das Verhalten; Selbstberichte der Teilnehmer spielen hier kaum eine Rolle. Die Versuchspersonen im Journal of Organizational Behavior Management sind zu drei Vierteln Mitarbeiter oder Manager, nur zu 21% handelt es sich um Studierende. Demgegenüber sind die Studierenden mit 76% unter den Versuchspersonen im Journal of Applied Psychology eindeutig in der Mehrheit. Die am häufigsten verwendete unabhängige Variable in den Studien im Journal of Organizational Behavior Management ist die Rückmeldung über die Leistung mit 75%. Die Forscher im Journal of Applied Psychology verwenden hier eher vorausgehende Bedingungen wie z.B. Informationen. Auch das verwendete Untersuchungsdesign spiegelt die landläufigen unterschiede zwischen psychologischer und verhaltensanalytischer Forschung wieder: Im Journal of Organizational Behavior Management wird zu 73% ein ABA- oder ein vergleichbares Design verwendet, im Journal of Applied Psychology handelt es sich zu 96% um Gruppenvergleiche.

Auch über Follow-Up-Untersuchungen und Kosten-Nutzen-Analysen berichten die Forscher im Journal of Organizational Behavior Management deutlich häufiger als im Journal of Applied Psychology. Dasselbe gilt für die Angabe der Beobachterübereinstimmung.

Literatur

Bucklin, B.R.; Alvero, A.M.; Dickinson, A.M.; Austin, J. & Jackson, A.K. (2000). Industrial-organizational psychology and organizational behavior management. An objective comparison. Journal of Organizational Behavior Management, 20, 27 – 75.

zurück zur Hauptseite

zuletzt verändert am 08.05.2005