Die Verhaltensanalytische Kritik an der sog. Gestützten Kommunikation

Ihre Anhänger behaupten von der Methode der gestützten Kommunikation, dass durch diese Methode Autisten zu Äußerungen befähigt würden, die man ihnen zuvor nicht zugetraut hätte. Bei der gestützten Kommunikation tippt der Autist auf eine Alphabet- und / oder Symbol-Tafel oder eine Computertastatur, während seine Hand von einem "Stützer" - häufig ein naher Verwandter (die Mutter) oder ein Betreuer - abgestützt wird. Auf diese Weise produzieren - scheinbar - die Autisten Texte von erstaunlicher Qualität, welche nicht in Einklang zu bringen sind mit der allgemein angenommenen intellektuellen Leistungsschwäche dieser Personengruppe. Ganze Romane und Erlebnisberichte wurden so schon angeblich von Autisten geschrieben (z.B. Sellin, 1995).

Die Methode wurde verschiedentlich kritisiert und es wurden mehrere Studien durchgeführt, die - soweit sie methodisch korrekt durchgeführt wurden - allesamt das Ergebnis erbrachten, dass die Informationen, die der Autist in der gestützten Kommunikation tippt, mit großer Wahrscheinlichkeit von der stützenden Person stammen (vgl. Green, 1994). Wheeler, Jacobson, Paglieri und Schwartz (1993) führten z.B. eine Studie durch, bei der der in gestützter Kommunikation geübte Autist Bilder benennen sollte. Auch der Stützer sah Bilder, aber der Autist und der Stützer konnten dabei jeweils nicht erkennen, welche Bilder der andere sah. In einer Bedingung sahen Autist und Stützer dieselben Bilder - hier waren auch die Antworten, die der Autist gestützt tippte, in der Regel korrekt - in den anderen Bedingungen wusste der Stützer nicht, welches Bild der Autist sah oder aber er sah ein anderes, falsches Bild. In den letzten beiden Bedingungen tippte der Autist nie die richtige Antwort, in der letzten Bedingung im besonderen tippte er vorzugsweise die Namen der Bilder, die der Stützer sah.

Die Ergebnisse dieser Studien wurden von den Anhängern der gestützten Kommunikation aus verschiedenen Gründen in Zweifel gezogen (so z.B. Biklen, 1993). So wurde kritisiert, dass die experimentellen Bedingungen die Autisten ängstlich oder aggressiv machen, dass die Situation der Testung den Rapport zwischen Autist und Stützer zerstört, dass die in den Studien eingesetzten Stützer nicht angemessen trainiert gewesen sind, dass die Autisten in den Studien nicht erfahren genug mit der Methode der gestützten Kommunikation waren und dass sie Wortfindungsschwierigkeiten hatten (was sich speziell bei der Bilder-Benennungsaufgabe als problematisch erweisen sollte). Green (1994) hat diese Kritikpunkte zwar widerlegt, jedoch werden sie nach wie vor von den Anhängern als Argument vorgebracht, warum diese Forschungen die Methode der gestützten Kommunikation nicht erschüttern können.

Montee, Miltenberger und Wittrock (1995) replizierten und erweiterten die Studie von Wheeler und anderen (1993). Neben einer Bilder-Benennungs-Aufgabe enthielt die Studien auch eine Aufgabe, bei der der Autist eine zuvor (mit dem Experimentator) durchgeführte Aktivität beschreiben sollte. Die Studie versuchte den o.g. Kritikpunkten soweit als möglich gerecht zu werden. So wurden nur solche Paare von Autisten und Stützern verwendet, die von einer am Ort gelegenen Einrichtung als besonders erfahrene Anwender der Methode empfohlen worden waren. Zunächst wurde immer in einer Baseline-Bedingung die Qualität der gestützten Kommunikation erhoben, um so die Möglichkeit von Wortfindungsschwierigkeiten auszuschließen. Die Aktivitäts-Aufgabe (Beschreibung einer zuvor gesehenen Aktivität) sollte weiter die Möglichkeit von Wortfindungsschwierigkeiten verringern und kontrollieren helfen. Ängstliches und Vermeidungsverhalten wurde von unabhängigen Beobachtern bewertet. Konnte solches Verhalten beobachtet werden, wurde der Versuch abgebrochen. Teilte der Autist sein Wissen auf andere Art als durch die gestützte Kommunikation mit und der Stützer sah das, wurde der Versuch gleichfalls nicht gewertet. So deutete z.B. eine Autistin auf das Telefon im Raum, als sie eine Bildkarte mit einem Telefon vorgelegt bekam. Zudem wurden alle Versuche in der üblichen Umgebung, in der auch sonst die gestützte Kommunikation stattfand, durchgeführt (also zuhause oder in der Institution). Zuletzt konnte der Stützer jederzeit den Versuch abbrechen, wenn er aus welchem Grund auch immer mit der Situation des Versuches unzufrieden war.

Untersucht wurden sieben Paare von Autisten und Stützern. Es handelte sich um erwachsene Autisten, bei denen eine leichte bis schwere geistige Retardierung diagnostiziert worden war. Als Schutz gegen die Möglichkeit, dass der Stützer der eigentliche Lieferant der Information war, wurde bei der Aktivitäts-Aufgabe sichergestellt, dass der Stützer nicht sah, was Experimentator und Autist vor dem Versuch taten. In einem Fall musste ein Paar (von den ursprünglich acht Paaren) vom Versuch ausgeschlossen werden, weil die Verblindung hier nicht möglich war. Bei der Bild-Erkennungs-Aufgabe wurde - wie schon bei Wheeler et al. (1993) - zwischen die Bilder für den Autisten und den Stützer ein Schirm aufgestellt, so dass keiner die Bilder des anderen sehen konnte. Es gab bei beiden Aufgaben drei Bedingungen: Die relevante Information war dem Stützer entweder bekannt, nicht bekannt oder eine falsche Information wurde vorgegeben. Über die Echtheit oder Falschheit der Information wurde der Stützer natürlich unwissend gelassen. Nach dem Ende des Versuches und vor der Enthüllung der Ergebnisse wurden die Stützer dahingehend befragt, ob sie das Tippen mehr als ihre eigene Aktivität oder als die des Autisten einschätzen. Die Mehrzahl (50 bis 90%, je nach Versuchsbedingung) schätzte die Aktivitäten als überwiegend vom Autisten gesteuert ein.

Die Ergebnisse waren vergleichbar denen von Wheeler et al (1993): Bei der Bild-Erkennungs-Aufgabe waren unter der Bedingung, dass dem Stützer das korrekte Bild bekannt war, 75% aller Antworten richtig, unter den anderen Bedingungen - ohne Bild oder falsches Bild - nur 0% bzw. 1,8%. In 66% aller Versuche, bei denen der Stützer eine falsche Information erhalten hatte, tippte der Autist die falsche Vorgabe für den Stützer. In der Aktivitätsaufgabe schnitten die Autisten-Stützer-Paare nicht besser ab. Hier waren 87% aller Antworten korrekt, wenn der Stützer dieselben Informationen wie der Autist hatte, in den anderen Bedingungen waren es 0%. In 80% aller Versuche, bei denen der Stützer die falsche Information hatte, war die Antwort mit der Information des Stützers identisch.

Nur ein Autist zeigte einmal ängstliches Verhalten, zwei Autisten zeigten je einmal Fluchtverhalten. Insgesamt schienen sich die Autisten bei den Versuchen sehr wohl zu fühlen und den Experimentator zu mögen.

Montee et al. (1995) fassen zusammen, dass keine Information durch die gestützte Kommunikation transportiert worden war. Hingegen waren die Autisten sehr wohl in der Lage, Information über die Bilder oder Aktivitäten auf andere Art und Weise (durch Gesten oder gesprochene Wörter) auszudrücken. Offenkundig waren es die Stützer, die die Antworten erzeugten. Nur in einem einzigen Fall tippte der Autist die richtige Antwort, obwohl der Stützer das falsche Bild gesehen hatte. Dieser eine Fall kann, so die Autoren, vermutlich durch den Umstand erklärt werden, dass hier der Autist nach dem Bild des Stützers gegriffen hatte, so dass der Versuch abgebrochen werden musste und das Paar neue Bilder erhielt. Zufälligerweise war das Bild, dass der Autist jetzt sah, mit dem Bild identisch, dass der Stützer zuvor gesehen hatte. Die richtige Antwort des Autisten kann hier recht plausibel durch ein Raten des Stützers erklärt werden.

Bemerkenswerterweise brachen die Stützer die Versuche in 23% aller Fälle ab, wenn sie nicht wussten, welches Bild der Autist gesehen hatte - dagegen nur in 3% bzw. 7% aller Fälle, wenn sie das richtige oder das falsche Bild gesehen hatten.

Zuletzt weisen Montee et al. (1995) darauf hin, dass die gestützte Kommunikation in einigen Fällen dazu geführt hat, dass die Autisten mit mehr Respekt behandelt wurden, weil man sie so für intelligenter hielt als zuvor. Sie bringen ihren Wunsch zum Ausdruck, dass zukünftig dieser Respekt den Autisten auch ohne diese zweifelhafte Methode entgegengebracht werde.

Literatur

Biklen, D. (1993). Notes on the validation studies of faciliated communication. Faciliated Communication in Maine, 2, 2-4.
Green, G. (1994). The quality of the evidence. In H.C. Shane (Ed.), Faciliated communication. The clinical and social phenomenon (pp. 157-225). San Diego: Singular Press.
Montee, BB.; Miltenberger, R.G. & Wittrock, D. (1995). An experimental analysis of faciliated communication. Journal of Applied Behavior Analysis, 28, 189-200.
Sellin, B. (1995). Ich Desserteur einer artigen Autistenrasse. Neue Botschaften an das Volk der Oberwelt. Köln: Kiepenheuer & Witsch.
Wheeler, D.L.; Jacobson, J.W.; Paglieri, R.A. & Schwartz, A.A. (1993). an experimental assessment of faciliated communication. Mental Retardation, 31, 49-60.

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zuletzt verändert am 17.05.2005